Wie der Mensch zum Singen gekommen ist
Die Botschaft des Orpheus
Warum können uns Sängerinnen und Sänger mit ihrer Kunst buchstäblich „zu Tränen“ rühren?
von Prof. Günter Binge
Orpheus war der Sohn des Gottes Apollo und der Muse Kalliope, folglich ein Halbgott. Der Mythos sagt, dass die Macht seines Gesanges zur siebensaitigen Leier so gewaltig war, dass er damit die wildesten Tiere zu zähmen vermochte und es sogar fertig brachte, durch sein Singen Bäume und Felsen zu bewegen.
Eurydice, die Gattin von Orpheus, wurde eines Tages von einer giftigen Schlange gebissen und starb. Orpheus ließ daraufhin seine Klagegesänge durch Berge und Täler erschallen, stieg endlich den Hades, den Totenfluss hinab, um seine geliebte Frau aus dem Reich der Toten zurückzuholen.
Tatsächlich gelang es ihm, mit seinem Gesang das Herz von Persephone, der Göttin der Unterwelt, zu rühren, so dass diese gestattete, – gleichsam gegen alle Verwaltungsvorschriften der Antike – dass Eurydice noch einmal mit Orpheus in das Reich der Lebenden zurückkehren könne, – unter einer Bedingung: Orpheus dürfe sich nicht nach Eurydice umblicken, bevor sie beide das Tageslicht erblickt hätten.
Man weiß, wie die Sache ausging: die bekannte Ungeduld der Männer ließ die Sache schief gehen. Orpheus konnte es nicht aushalten und sah sich vorzeitig nach Eurydice um, worauf diese in das Reich der Toten, in den Hades, zurückkehren musste. Nun half auch Orpheus Singen nicht mehr, Persephone blieb hart.
Was ist das Besondere an dieser Geschichte? Mit der Sage um Orpheus wurde bei den Griechen ein eigener Mythos geschaffen um die Macht der Musik und vor allem um die Macht des Gesanges.
Die griechische Antike sprach der Musik und vor allem dem Gesang auf diese Weise eine magisch-mythische Wirkung zu, die später durch eine gleichsam wissenschaftliche Betrachtungsweise ergänzt wurde: kein geringerer als Pythagoras stellte für seine Gefährten „Zurüstungs- und Zurechtweisungsmusiken“ zusammen, – Melodien, die gegen Mutlosigkeit, Kummer, Zorn, Begierden und übermäßige Affekte wirksam sein sollten, also eine harmonisierende und stabilisierende Wirkung entfachten. Dem Opernliebhaber ist der Gedanke einer harmonisierenden Wirkung von Musik nicht fremd: man denke nur an die Wirkung des Glockenspiels und der Flöte in Mozarts Oper „Die Zauberflöte“: da werden wilde Tiere zahm, und der von seinen niederen Trieben bestimmte Monostatos kommt zur Besinnung und belästigt jedenfalls Pamina vorläufig nicht weiter.
Heute kann man festzustellen, dass Sängerinnen und Sänger eine faszinierende Wirkung auf Menschen ausüben: berühmte Sänger, ob im Klassik-Bereich oder in der Pop-Musik, werden zu umjubelten Stars, allenfalls vergleichbar den großen Sportidolen: ob die “drei Tenöre”, Michael Jackson, Herbert Grönemeyer oder Madonna, – sie werden verehrt, bejubelt und lösen ekstatische Emotionen und Begeisterung aus.
Auf der anderen Seite ist das Singen – wenigstens bei uns in Deutschland – aus unserem Alltag weitgehend verschwunden; es ist nicht “cool”, wird besonders von Jugendlichen als antiquiert oder “unnatürlich” empfunden. Arbeitslieder, Liebeslieder, Freuden- oder Trauergesänge, – all dies gibt es noch, jedoch meist nicht in den jeweiligen Lebenssituationen, sondern schon eher als ästhetisches Ereignis, dargeboten im Konzertsaal. Nur wenige junge Mütter sind heute noch in der Lage, ihr eigenes Kind mit “Schlaf, Kindlein schlaf” in den Schlaf zu singen, ihm mit dem Klang der eigenen Stimme das sichere Gefühl von Geborgenheit zu geben und damit eine wesentliche Grundlage für eine glückliche Kindheit zu legen.
Hier liegt ein Widerspruch, den es aufzulösen gilt: der Sänger einerseits als bewundertes Idol, als Ausnahmeerscheinung, Singen andererseits als etwas eher lächerliches, antiquiertes, etwas, das man “nicht tut”. So kommt es zu der Meinung, die Deutschen singen nur, wenn sie betrunken sind, – sonst allenfalls in der Badewanne, wo man ganz mit sich allein ist.
Bemerkenswert ist, dass in Zeiten existentieller Ausnahmesituationen Menschen zum Gesang zurückzufinden scheinen und ihre Empfindungen darin ausdrücken möchten. Die meisten von uns haben jene beeindruckende Trauerfeier nach dem 11. September in New York noch in Erinnerung, als Vertreter der verschiedenen Religionen an das Mikrofon traten und jeder von ihnen aus der Tiefe ihres Herzens ihre Trauer in ergreifender Weise singend zum Ausdruck brachte, ebenso wie drei Feuerwehrleute, die gemeinsam die amerikanische Nationalhymne anstimmten. Und am “Ground Zero”, dem Ort des Geschehens, versammelten sich noch Wochen später junge Menschen, die singend ihrer Trauer und ihrer Verzweiflung Ausdruck verliehen. In dieser Situation verschwanden die Unterschiede zwischen Berufs-Sängern und den anderen Menschen, die sonst so unendlich groß scheinen.
Was ist es, das uns im Gesang so sehr zu Herzen geht, und was sich offenbar durch Worte nicht sagen lässt?
Gesang und Sprache – der Unterschied ist größer als vermutet
Beschäftigen wir uns einen Augenblick mit der Sprache, die uns doch so gewohnt und natürlich erscheint, und ohne die der Mensch kaum vorstellbar ist.
Für ein neugeborenes Kind ist die Sprache der Erwachsenen zunächst nur eine unverständliche, sinnlose Ansammlung von akustischen Signalen. Erst allmählich, im Laufe von Jahren lernt es, auf Grund von Wiederholungen derselben Worte in gleichen Situationen, den Lauten Bedeutungen zuzuordnen, die zunächst noch verschwommen sind, im Laufe der Zeit schärfer werden und nach einigen Jahren eine nützliche Möglichkeit zur Verständigung mit den Erwachsenen bilden. Je nachdem, in welchem Kulturkreis ein Kind heranwächst, sind es jeweils andere Laute, die einen bestimmten Gegenstand oder einen Sachverhalt umschreiben. Deswegen müssen wir eine fremde Sprache, die nicht unsere “Muttersprache” ist, auch erst lernen, damit wir die akustischen Laute, die wir wahrnehmen, mit Bedeutungen verknüpfen können. Einen “inneren Zusammenhang” zwischen einem sprachlichen Laut und dem bezeichneten Gegenstand oder Sachverhalt gibt es in der Regel nicht. Paul Watzlawick beschreibt dies in seinem Buch “Menschliche Kommunikation” so: “Es gibt letztlich keinen zwingenden Grund, weshalb die fünf Buchstaben k,a,t,z und e, in dieser Reihenfolge ein bestimmtes Tier benennen sollen – es besteht lediglich ein semantisches Übereinkommen für diese Beziehung zwischen Wort und Objekt (designatum), aber außerhalb dieses Übereinkommens ergibt sich keinerlei weitere Beziehung”. Oder wie Bateson und Jackson formulieren, “hat die Zahl fünf nichts besonders Fünfartiges an sich und das Wort “Tisch” nichts besonders Tischähnliches”.
Ganz anders ist die Situation beim Gesang: Ein Säugling gibt längst lallende, im weiteren Sinne singende Laute von sich, bevor er die Bedeutung auch nur eines Wortes kennt.
Seine Mutter wird jedoch an der Art seiner Lautgebung seine seelische Befindlichkeit, seine Wünsche, sein Verlangen und seine Gefühlslage unmittelbar “verstehen”.
Ein Hörer kann vom Gesang eines Sängers ergriffen und buchstäblich zu Tränen gerührt sein, – obwohl der Singende in einer unbekannten Fremdsprache singt, er den Sachverhalt des Geschehens also gar nicht aufzunehmen vermag.
In diesen Fällen wird offenbar eine Information weitergegeben, die völlig anders ist als jene, die man mit Sprache zum Ausdruck bringen kann, eine Information, die “unmittelbar” verstanden wird. Die Bedeutung solcher “singender Signale” braucht offensichtlich nicht erst erlernt zu werden, sie ist dem Menschen mitgegeben und in tiefen seelischen Schichten verankert,- wobei wir “Gesang” hier in einem erweiterten Sinn verstehen, in den Klang und Tonfall einbezogen sind.
Carl Zuckmayer formuliert es so:
“Das ursprüngliche Singen wird nicht, wie das Sprechen, von jedem einzelnen neu gelernt. Es ist einfach da, es wird mit uns geboren. Das Kind, seiner selbst noch unbewusst, singt, wenn auch ohne Harmonik, bevor es sprechen kann.”
Le ton fait la musique
Es ist evident, dass bei gesprochener (nicht bei geschriebener) Sprache stets ein gewisser “gesanglicher” Anteil an Information dabei ist. “Le ton fait la musique” – das französisches Sprichwort macht darauf aufmerksam, dass eine im “Tonfall” enthaltene zusätzliche Information unter Umständen die in der Sprache vorhandene Information überlagern und im Extremfall sogar ins Gegenteil kehren kann.
“Liebste Freundin, was haben Sie heute Abend nur für ein entzückendes Kleid an!” -
dieser Satz, ehrlich gesprochen, kann seinen Inhalt tatsächlich meinen. Er kann jedoch auch so intoniert werden, dass sowohl die Angesprochene wie auch die Sprecherin genau wissen, dass eher das Gegenteil gemeint ist, etwa: “Sie alte Ziege haben heute aber wieder einmal einen besonders schrecklichen Fummel an!”
Das gemeine an dieser Form von “Kompliment” besteht darin, dass sich die Angesprochene ärgern wird, ohne sich richtig zur Wehr setzen zu können, denn die Bedeutung des Tonfalls, in dem ein Satz gesprochen wird, mag völlig klar sein, einer argumentativen, so auch einer gerichtlichen, Auseinandersetzung würde sich diese analoge, unterschwellige Form von Information entziehen.
Sprache als digitale, Gesang als analoge Kommunikation
Die meisten von uns erinnern sich noch an die Zeit, als die ersten Digital-Uhren auf den Markt kamen: da gab es plötzlich kein Ziffernblatt mehr, auf dem sich Zeiger in Anlehnung an die Drehung der Erde um die Sonne im Kreis drehten. Auch die Sonnenuhr kennt jeder von uns, die noch unmittelbar die Erdumdrehung mit Hilfe eines Schattens abbildet und damit die Uhrzeit analog anzeigt; schließlich erinnern sich die Älteren von uns noch an die Sanduhr, bei der das langsame Rieseln des Sandes vom oberen Glaszylinder durch eine schmale Engstelle in einen unteren Glaszylinder eine bildhafte (=analoge) Darstellung vom Verrinnen der Zeit darstellt.
Ganz anders bei der neuen Digitaluhr: da wurde nichts mehr abgebildet, sondern Ziffern zählten nun digital (digitus= der Zeige-Finger) den Ablauf der Zeit, Ziffern, deren Gestalt nichts mit der Uhrzeit zu tun hatten, diese nicht mehr abbildeten. Wir erkennen: in Formen analoger Information gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen Inhalt und Darstellung, der Inhalt wird durch die Darstellung abgebildet.
Bei digitalen Kommunikationsformen besteht dieser innere Zusammenhang nicht, die Bedeutung der Zeichen ist verabredet, muss erlernt werden und bleibt letztlich austauschbar.
Nach dem, was wir über Gesang und Sprache zusammengetragen haben, kommt man zu dem Schluss, dass Sprache in ihrer reinen Form, also losgelöst von Tonfall und Klang, wesenhaft digitale Kommunikation bedeutet, Gesang dagegen analoge Kommunikation darstellt.
“Am Anfang war kein Wort”
Das ist der nur scheinbar provokative Titel einer Veröffentlichung von Bernd Weikl, in Anspielung auf die Bibel und natürlich Goethes Faust.
Weikl möchte darauf hinzuweisen, dass sich unsere genetischen Anlagen, unser Gehör und unser Kehlkopf mit der Fähigkeit, Töne und Klänge zu erzeugen, zu einem Zeitpunkt entwickelt haben, als es eine Sprache, wie wir sie heute verstehen, noch nicht gab, wohl aber Laute, mit denen sich unsere frühen Vorfahren verständigten, indem sie ihren Empfindungen mit ihrem Stimmorgan freien Lauf ließen. Singen und Sagen – von alters her wurde das Begriffspaar in dieser Reihenfolge genannt. Steht für uns das Wort am Beginn aller Erkenntnis, dann steht das Singen als durch und durch kreatürliches Verhalten am Beginn allen Seins. Es war sozusagen schon da, als die Menschen noch im Paradies lebten (und nicht wussten, was gut und böse ist)
Carl Zuckmayer formuliert (1970):
“Welch bedeutsame Rolle gerade dem Singen unter diesen Grundbedürfnissen zufällt, wird dadurch erhellt und bekräftigt, dass die höchstentwickelte der uns bekannten Weltkulturen, die des antiken Griechenland, als eine ihrer zentralen Überlieferungen den Orpheus-Mythos hervorgebracht hat …
Das mögen, beim ersten Hinschauen, rückweisende Betrachtungen sein, auf die Menschwerdung, auf ursprüngliche, naturentwachsene Phänomene, auf frühe und früheste Kulturen bezogen. Doch können solche Rückweisungen, auf das Außergeschichtliche, auf das unreflektierte Leben hin, gerade in Zeiten seiner krisenhaften Bedrohung durch höchstgespannte Progression, eine völlig gegenwärtige, ja eine vorausleuchtende Bedeutung gewinnen.”
Beim gewöhnlichen Sprechen , so wie wir es bei den meisten Menschen heute erleben, werden die Möglichkeiten unserer Stimme, unseres Kehlkopfes und unseres Körpers nur zu einem sehr kleinen Teil genutzt; mit unserer Seele ist diese Stimme kaum noch verbunden, die emotionale Beteiligung auf ein Minimum begrenzt.
Es geht in erster Linie um die Unterscheidbarkeit der Laute, die Textverständlichkeit, damit der Sinn intellektuell verstanden wird. Wenn ich die Worte spreche “ich machte” im Vergleich zu “ich mache”, dann geht es darum, das “t” deutlich genug zu artikulieren, damit die Vergangenheit zum Ausdruck kommt, – die wiederum mit dem Laut “t” im Prinzip nichts zu tun hat, unsere Seele nicht berührt.
Der Sänger – eine wundersame Laune der Natur?
Entsprechend dieser eigenen, höchst eingeschränkten Erfahrung hängen die meisten Menschen einem seltsamen Wunderglauben an: Der Sänger, dessen Existenz man nicht leugnen kann, sei eben mit besonderen physischen Gegebenheiten ausgestattet, an die der gewöhnliche Sterbliche nicht heranreiche; das ganze sei ein letztlich unergründliches Wunder, eine Laune der Natur.
Sogar die Medizin, der wir die exakte Wissenschaft der Anatomie und Physiologie des Stimmorgans zu verdanken haben, ist bis heute zu einem guten Teil diesem Aberglauben verfallen gewesen: So versuchte man, Carusos Kehle zu spiegeln, um dem Geheimnis seines Singens auf die Spur zu kommen – und fand quasi “normale” Verhältnisse vor, wie sie auch bei einer Vielzahl von “Nicht-Sängern” zu finden sind. Nach dem Tode von Francesco Tamagnos, dem “Stimmwunder” und weltberühmten Tenor, unterzogen Ärzte den Gesangsorganismus einer Sektion, um dem Geheimnis seiner unvergleichlichen Stimme auf den Grund zu gehen. Als Ergebnis mussten sie enttäuscht folgende Feststellung treffen: “Das Organ unterscheidet sich von dem eines normalen Menschen nur dadurch, dass es auffallend viele, von Katarrhen herrührende Vernarbungen an der Pharinxwand aufweist.”
Die medizinische Wissenschaft macht dabei einen – verzeihlichen – Fehler: sie geht bei ihren Untersuchungen aus vom (statistischen) Normalmenschen, stellt Normen auf, was ein Stimmorgan “normalerweise” zu leisten imstande ist, um als gesund befunden zu werden. In diesem Kontext müssen stimmlich begabte Natursänger tatsächlich als extreme Abweichung von der Norm, als Wunder erscheinen.
Dabei hat man die gedankliche Möglichkeit außer acht gelassen, dass wir Menschen uns, als Folge einer gewaltigen kulturell-technologischen Entwicklung, insgesamt in einem “chronischen Zustand von Phonasthenie” (Frederick Husler) befinden, eine Entwicklung, die sich in den vergangenen Jahrzehnten, nicht zuletzt als Folge unserer “schönen digitalisierten Welt”, extrem beschleunigt hat.
Für einen Laien scheint es nur schwer vorstellbar: Die Kehlen bedeutender Sänger unterscheiden sich anatomisch in nichts von solchen Menschen, die wir im Sängerjargon als “stimmlos” bezeichnen. Und diese “normal unsängerischen” klanglosen Stimmen sind nur das Ergebnis der Unaufgeschlossenheit, in dem sich dieses Organ befindet. Jeder Sänger ist in der Lage, auch solch eine unbedeutende, unschön klingende Stimme hervorzubringen, indem er bei der Tongebung einfach einiges unterlässt. Nur steht ihm der Weg zu seinem Stimmorgan offen, während der Nichtsänger vor einer Wand steht, die er als undurchdringlich empfinden muss.
Ist ein Stimmorgan aufgeschlossen, dann vermag der Singende oftmals weit mehr mit seiner Stimme auszudrücken, als er selbst zu begreifen imstande wäre, seine Töne scheinen einem Bereich vor aller Sprache zu entstammen, ein Ereignis, das Nietzsche mit dem dionysischen Genius beschreibt: als ein “in völliger Selbstvergessenheit mit dem Urgrunde der Welt eins gewordenen Menschen”.
Wenn man Glück hat, und der Singende dazu noch Kunstverstand besitzt, kann sich daraus eine künstlerische Produktion entwickeln. Oftmals jedoch, gerade bei Sängern mit ungetrübten, gut ausgebildeten sängerischen Instinkten – jedoch dem künstlerischen Geschmack eines Banausen, kommen wenig ersprießliche Ergebnisse heraus. Lesen wir, was der berühmte Gesangspädagoge Frederick Husler zu diesen Fällen schreibt:
” Den künstlerischen und musikalischen Bühnenleitern ist das nur allzu bekannt. Wir alle kennen jene tonprächtigen Entladungen, mit dem klagenden Unterton, mit der `Träne`. Mit all der brünstigen Beseeltheit, die, so betörend sie auch immer sein mag, bei kritischem Hinhören meist in gar keinem Zusammenhang zu bringen sind mit dem, was es zu interpretieren gälte.”
Die Erfahrung, dass manche Natursänger, die eine unmittelbare Verbindung zu ihrem Stimmorgan noch “von Natur” aus besitzen, ohne diese erst mühevoll wiederfinden und erarbeiten zu müssen, es andererseits an der notwendigen künstlerischen Intelligenz fehlen lassen, hat dazu geführt, dass gerade intellektuell geprägte Menschen Sängern gegenüber gewisse Vorbehalte entwickeln; hier ist auch wohl die Quelle für diverse Sängerwitze zu suchen (“Dumm – dümmer – Tenor”)
Jeder kann seine Stimme wiederfinden
Die Erfahrung, dass sich aus völlig bedeutungslosen, phonasthenischen Kehlen in wenigen Jahren Stimmen mit deutlich hörbaren “sängerischen” Ansätzen entwickeln lassen, habe ich im Laufe meiner pädagogischen Arbeit selbst machen dürfen: vor meiner Tätigkeit an der Musikhochschule Lübeck unterrichtete ich das Fach Gesang an der Pädagogischen Hochschule in Kiel, für Studierende, die neben anderen Fächern auch das Fach Musik gewählt hatten. Eine Eignungsprüfung , um dieses Fach studieren zu dürfen, war nicht erforderlich, und so hatte ich es zu tun mit jungen Damen und Herren, die in aller Regel kaum in ihrem Leben gesungen hatten, die Stimmen waren meist schwach, unbedeutend oder unschön, extrem kurz im Umfang, in einigen Fällen (keineswegs nur bei Männern) waren einzelne nicht in der Lage, einen Ton nachzusingen, sondern landeten bei ihren Versuchen in einer ganz anderen Tonlage.
Für die Erfahrungen, die ich in dieser Zeit habe machen dürfen, bin ich noch heute dankbar. In den Extremfällen gelang es meist schon nach wenigen Wochen, den Betroffenen die Fähigkeit wiederzugeben, einen vorgesungenen Ton nachzusingen, und manches Mal entwickelten sich danach überraschend schnell Ansätze zu sängerischer Tongebung. Fast immer gelang es, innerhalb von gut zwei Jahren deutliche Merkmale einer sängerischen Stimme zu entwickeln, was sich auch mental auswirkte: den angehenden Lehrerinnen und Lehrern wurde mit einem Mal bewusst, dass sie als musische Menschen geboren waren, und dass es eine Verbindung gab zwischen ihrer intellektuellen Bildung und ihrem emotionalen Empfinden. Etliche von ihnen haben sich mir gegenüber geäußert, wie wichtig für ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung die Erfahrung im Gesangsunterricht gewesen ist. Völlig überraschend habe ich nach Jahr und Tag von einigen wenigen erfahren, dass sie nach ihrem Studium weiter Gesang studiert und geübt hätten und schließlich Sänger geworden sind, zwei in gut aufgestellten Berufschören, einer sogar als Solist.
Alle Menschen sind Sänger
Wir sollten uns an den Gedanken gewöhnen: dass alle Menschen als Sänger geboren sind. Um mit Carl Zuckmayer zu sprechen:
“Der Mensch jeder Mensch, ist also durch dieses sehr kleine, auf sehr komplizierte Art in seinen Gesamtorganismus eingespannte Toninstrument zu seiner einfachsten primitivsten, und schließlich reinsten und schönsten Äußerung begabt: zum Singen”
Hier liegt der Schlüssel zu jener rätselhaft paradoxen Beziehung, die der “Normalmensch” gegenüber dem Sänger und dem Phänomen des Singens entwickelt: Verehrung und Bewunderung für den Sänger auf der einen Seite und eher peinlich berührte Missachtung, wenn es um eigenes Singen geht.
Die neuen Anforderungen unserer Informationsgesellschaft scheinen keinen Spielraum zu lassen für emotionales Erleben; zu viele Informationen drängen sich auf oder müssen abgerufen und verarbeitet werden. Da gilt es, distanziert zu bleiben, sich möglichst nicht emotional zu engagieren, weil das die eigene Person sogleich angreifbar machen oder zu Fehlern in der Analyse führen könnte.
Auf der anderen Seite lässt sich der Urgrund der menschlichen Seele nicht ganz verleugnen: wenigstens als Sehnsucht taucht der Singtrieb wieder auf und manifestiert sich in der Bewunderung für den Sänger, der gleichsam als Rudiment aus alten Zeiten herübergerettet zu sein scheint.
Plädoyer für eine Zukunft mit Gesang
Es ist eine alte Lebensweisheit, dass jede Form von Einseitigkeit zu Komplikationen führen kann. Das menschliche Gehirn ist so strukturiert, dass sich einzelne Teilbereiche gegenseitig die Waage halten können, so zum Beispiel emotionales Empfinden und analytisches Denken, um zwei Pole zu nennen.
Dabei können gewiss Einseitigkeiten für eine gewisse Zeit aufgefangen, Akzente auf der einen oder der anderen Seite in Balance gehalten werden.
Dieses Gleichgewicht ist jedoch nicht unendlich belastbar, längerfristige und anhaltende Einseitigkeiten werden zunächst zu individuellen psychischen Defiziten, auf Dauer auch zu gesellschaftlichen Komplikationen führen.
Es ist leicht einsehbar, dass die Entwicklung unserer Informationsgesellschaft solche Risiken verstärkt in sich trägt und Gefahr läuft, den Urgrund menschlichen Seins zu vernachlässigen. Will man dies ausgleichen, muss man von Staats wegen einiges dafür tun, dass auch die andere Seite des Menschen zu ihrem Recht kommt, damit Menschen die Verbindung zu den emotionalen Wurzeln ihrer Existenz nicht verlieren.
In diesen Jahren hören wir nicht auf, den Verlust der Werte zu bejammern und festzustellen, dass wir unseren heranwachsenden Jugendlichen keine Orientierung mehr zu geben in der Lage sind. Nach unerklärlichen Begebenheiten, unerklärlichen Amokläufen von Jugendlichen z. B. fragen wir uns, ob die permanente Darstellung von Gewalt im Fernsehen und auf Videos in ihrer unvorstellbaren Grausamkeit nicht eingeschränkt werden müsse, weil sie wirklicher Gewalt Vorschub leisten könnte. Wir hören mit Erstaunen die Stellungnahme von Psychologen, die darauf hinweisen, dass nicht alle Jugendliche, die Gewalt-Videos ansehen, auch tatsächlich gewalttätig werden. Dies mag uns beruhigen.
Aber ist die Frage nicht falsch gestellt? Müssen wir nicht vielmehr fragen, warum Menschen das Verlangen haben, Gewalt-Videos und entsprechende Darstellungen im Fernsehen in dieser Fülle überhaupt zu konsumieren? Müssen wir nicht fragen, was wir den Menschen an die Hand geben können, damit sie ihre emotionalen Bedürfnisse positiv erleben können, anstatt diese an besagten Filmen (im besten Fall) negativ abzureagieren?
Es ist offensichtlich, dass Bemühungen um lebendiges kulturelles Leben dazu von entscheidender Bedeutung sind. Leider hat man in den sieben fetten Jahren unserer jüngeren Vergangenheit nicht an die Vorsorge gedacht, sondern mit vollen Händen ausgegeben. Nun, da wir die sieben mageren Jahre erleben, kommt man umso stärker in Bedrängnis, und was liegt da näher, als an der Kultur zu sparen, und zwar in allen Bereichen, angefangen von den Schulen, in denen künstlerische Fächer noch immer zu den Stiefkindern unserer Bildung zählen, über die öffentlichen Haushalte der Städte und Gemeinden, die in ihrer finanziellen Notlage als erstes dort kürzen, wo die Folgen nicht sofort spürbar werden. Die weitgehend privat finanzierten Fernsehstationen huldigen derweil einer Spaßgesellschaft, bei der einem das Lachen vergeht. Eine RTL – Sendung von „ich bin ein Star, holt mich hier raus“ hatte eine Einschaltquote von über sieben Millionen Zuschauern.
Es wird nichts helfen: auch in den mageren Jahren werden wir darauf achten müssen, unserer Seele die emotionale Nahrung nicht zu verweigern, die sie dringlich benötigt. Ein Trugschluss zu glauben, Menschlichkeit, Humanismus und Nächstenliebe ließen sich allein aus intellektueller Erkenntnis schaffen, die berühmte Pisa – Studie greift zu kurz, wenn sie nur die Fähigkeit zum Erfassen von logischen Zusammenhängen in ihre Tests einbindet; – wir alle brauchen vielmehr die Verbindung zum Grund unserer Seele mit ihren emotionalen Bedürfnissen.
Der Gesang als das ureigenste Instrument des Menschen ist eine nahe liegende und unkomplizierte, ja sogar eine preiswerte Möglichkeit, diese Verbindung wieder herzustellen. Nur brauchen wir ein Umdenken, wohlgemerkt ein radikales Umdenken (=von der Wurzel her)
„Am Ende dieser Überlegungen soll ein Zitat von Richard Wagner stehen, zitiert nach Guido Adler, aus dessen Vorlesungen an der Universität Wien (1904)“:
“Gesang, Gesang und abermals Gesang, ihr Deutschen! Gesang ist nun einmal die Sprache, in der sich der Mensch musikalisch mitteilt, und wenn diese nicht ebenso selbständig gehalten und gebildet wird, wie jede andere kultivierte Sprache es sein soll, so wird man euch nicht verstehen …”