Der Sängerberuf

Es mag für einen Studienanfänger schwer zu verstehen sein, und erst recht für jemanden, der mit unserem Metier gewöhnlich nicht in Berührung kommt: Ein gutes oder sogar sehr gutes Examen an einer Hochschule ist noch keine Garantie dafür, dass eine junge Sängerin oder ein junger Sänger auch im Berufsleben erfolgreich ist, – ja, nicht einmal ein erstes Engagement kann als gesichert gelten.

Die Realität sieht fast immer anders aus: Agenturen und Theater fragen nicht nach Examina oder Zeugnissen, sondern sie wollen etwas hören, der angehende Sänger muss Arien in seinem Fach vorsingen, und dann entscheidet sich, ob die Stimme tragfähig genug ist, ein unverwechselbares Timbre vorweisen kann und ein überzeugender Ausdruck den Zuhörer erreicht.

Schon manche junge Sängerin, bzw. mancher junge Sänger, in der Hochschule noch hoch gelobt, erlebt seine erste große Enttäuschung, wenn nach der ersten vorgesungenen Arie ein kurzes „Danke“ aus dem Zuschauerraum von einem Mitglied der Intendanz den großen Hoffnungen vorerst ein kurzes Ende bereitet.

Freilich: auch wir Hochschullehrer haben dazugelernt, suchen die Praxis und sind bemüht, die uns anvertrauten Studierenden auch außerhalb der schützenden Hochschulmauern mit der Realität zu konfrontieren; nur geschieht dies noch immer in unzureichender Weise. Die Hochschule oder Universität als staatliche Institution tut sich schwer damit, ihren Studierenden ein Gefühl dafür zu vermitteln, was von ihnen im Berufsleben gefordert wird, und, wenn nötig, rechtzeitig Bescheid zu geben, wenn eine Entwicklung nicht so positiv voranschreitet, dass man nach dem Examen auch mit einer beruflichen Perspektive rechnen kann.

Hunderte arbeitslose Sängerinnen und Sänger in Deutschland sind die Folge, gelistet in den Archiven der Zentralen Bühnenvermittlung, die meisten von ihnen Frauen, und davon wiederum die größere Anzahl im Stimmfach Sopran. In diesem Fall objektiv keine Benachteiligung von Frauen: nur interessieren sich schon bei der Aufnahme an den Hochschulen weit mehr junge Damen für den Sängerberuf als junge Männer, und so werden meist mehr Sängerinnen ausgebildet als Sänger, -wobei im Beruf schließlich ebenso viele Sänger wie Sängerinnen gebraucht werden.

Fazit: Junge Damen müssen noch besser sein als ihre männlichen Kollegen, um eine berufliche Chance zu haben. Man sollte nicht ungerecht sein: tatsächlich ist es oft schwer, die Entwicklung einer Stimme, die doch immer auch mit der Persönlichkeit einhergeht, sicher vorauszusehen. Der Lehrer „hängt“ ja auch an seinen Studierenden, die er im Einzelunterricht sehr persönlich betreut, er will für sie das Beste und ist leicht geneigt, die eigenen Studenten in einem rosa getönten Licht zu sehen bzw. zu hören.

Auch für die Studierenden selbst ist eine Selbsteinschätzung nur schwer möglich: sind doch die Veränderungen in der Entwicklung naturgemäß klein und können nur schwer wahrgenommen werden, selbst wenn eine Entwicklung positiv verläuft.

Andererseits kann man nicht verantworten, wenn man Studierende, die aufgenommen sind, 5 bis 7 Jahre studieren lässt, obwohl man vielleicht schon nach zwei Jahren abschätzen kann, dass zumindest eine berufliche Perspektive höchst unwahrscheinlich ist.

Dieser Zwickmühle des selbst geschaffenen Elfenbeinturms können beide, Studierende wie Lehrende, nur entfliehen, wenn sie sich einer Kritik von außen stellen, viele Konzerte, Darbietungen und Gesangsvorträge in der „freien Wildbahn“ absolvieren, um ihre Wirkung einschätzen zu können und zu realisieren, ob jene im Studio so ausdrucksstark erarbeitete Phrase auch die beabsichtigte Wirkung hat, – oder sich als zu schwach gesungen herausstellt, der beabsichtigte Ausdruck das Publikum erst gar nicht erreicht.

Die Verwechselung eines professionellen „Piano“ mit einem nur leise (das heißt schwach) gesungenen Ton, der keinen Ausdruck zu transportieren vermag, gehört zu den häufigen Fehlern in der Ausbildung an den Hochschulen, zumal der Unterricht zwangsläufig fast immer in kleinen Zimmern stattfindet, die keine realistische Einschätzung des Klangbildes zulassen.

Kammersänger Prof. Dr. Bernd Weikl, Honorarprofessor des Landes Schleswig-Holstein, Schirmherr der „JUNGEN OPER LÜBECK e. V.“, und, vor allem für Richard Wagner und Richard Strauss, gewiss einer der bedeutendsten Bariton-Stimmen dieses Jahrhunderts, verpasst kaum eine Gelegenheit, um auf diesen Missstand an Musikhochschulen aufmerksam zu machen. Seine Arbeit mit den jungen Sängerinnen und Sängern an der Musikhochschule Lübeck, abseits der (öffentlichen) Meisterkurse des Schleswig-Holstein-Musikfestivals, hat sicherlich mancher jungen Sängerin und manchem jungen Sänger die Augen, pardon, die Ohren geöffnet.

Die Junge Oper Lübeck hat es von Beginn an neben den Opernproduktionen als wichtige Aufgabe angesehen, Auftrittsmöglichkeiten für junge Sängerinnen und Sänger zu schaffen, in Konzerten im Kolosseum, in Weihnachtskonzerten, in Fernsehauftritten, aber auch bei CD-Aufnahmen, bei denen jeder junge Künstler spürt, wie schwer es ist, einen Titel oder ein Stück im Augenblick der Konzentration so zu präsentieren, dass es optimal auf die Aufnahme gebannt wird. Ob vor einem musikalisch nur bedingt interessierten Publikum, vor Musikkennern oder auch nur bei den berühmten „Muggen“ (Hochzeits-, Geburtstags- oder Firmenfeiern) – immer muss eine Sängerin oder ein Sänger in der Lage sein, sich zu konzentrieren, mit der Aufregung fertig zu werden und am eigenen Leibe erfahren, welches Auftreten am natürlichsten wirkt, am besten „ankommt“, wie man sich bei welcher Gelegenheit am natürlichsten verbeugt, welche Kleidung und welche Schminke bei welchem Anlass empfehlenswert scheinen.

Oft müssen junge Menschen ihren persönlichen Typ erst finden, und erste Auftritte machen jedem einzelnen bewusst, dass sie sich nun einer Öffentlichkeit jenseits der Privatsphäre präsentieren.

Man kann von einer Hochschule nicht verlangen, diese Aufgaben alle zu übernehmen, obwohl auch hier ein Umdenken stattgefunden hat. Gewiss geht man diese Dinge in Amerika vorbehaltloser an als in Deutschland, wo das Training der Abläufe noch immer leicht das Odium von „Äußerlichkeiten“ bei sich trägt.

Dabei ist völlig unstrittig, dass ohne solides Können, ohne tiefen künstlerischen Ernst eine Sängerkarriere ausgeschlossen ist. Die Erfahrungen in der Jungen Oper haben jedoch gezeigt, dass die geziehenen „Äußerlichkeiten“ oft einen Spiegel dessen abgeben, was sich im Inneren tut. Erst die negativen Erfahrungen beim Auftreten lenken den Blick auf Substanzielles, oder lassen auch einem jungen Menschen, dessen Jugendtraum die große Solokarriere war, bewusst werden, dass ihm ganz vorn im Rampenlicht nicht so wohl ist wie angenommen, und dass eine berufliche Tätigkeit in einem Berufschor ebenfalls eine Alternative ist, die man in Erwägung ziehen könnte.

„Orientierung“ ist der Kernpunkt, und hier ist der Förderverein „Junge Oper Lübeck“ eine wertvolle Ergänzung für ein Studium, das sich vor allem auf die Kernfächer zu konzentrieren hat.

Es ist gewiss kein Zufall, dass Hochschulen und Universitäten seit einiger Zeit begonnen haben, ihre Arbeit zu „evaluieren“, einer Überprüfung zu unterziehen, im weitesten Sinne also eine Aufgabe zu erledigen, die von jeher wichtiger Bestandteil jeder pädagogischen Arbeit sein sollte: die Erfolgssicherung.

Noch vor wenigen Jahren war die Bereitschaft dazu an vielen Hochschulen nicht besonders ausgeprägt: schon 1999 haben wir versucht, die Arbeit der Musikhochschulen in Deutschland im Bereich der Gesangsausbildung zu evaluieren. Dazu wurden die Hochschulen gebeten, Angaben über ihre Absolventen im Fach Gesang zu machen; zugleich haben wir versucht herauszufinden, welche von diesen Absolventen später ein Engagement erhalten hatten bzw. ihren Lebensunterhalt mit dem Gesang verdienten.

Ein allgemeingültiges Ergebnis kam nicht zustande; es scheiterte vor allem an der mangelnden Kooperation (Bereitschaft, Bequemlichkeit) der Hochschulen, die nur im Ausnahmefall bereit waren, sich in die Karten schauen zu lassen. Natürlich macht eine solche sinnvolle Evaluation im Interesse der Studierenden einige Mühe, es ist leichter, einem Rechnungshof gegenüber eine große Anzahl „erfolgreicher“ Absolventen zu präsentieren (solche, die das Examen bestanden haben) als möglicherweise einzugestehen, dass davon nur ein Teil in der Lage ist, auch im späteren Beruf zu reüssieren.

Für uns als Lehrer sind jedoch diejenigen wichtig, die auf die eine oder andere Weise ihre Ausbildung beruflich nutzen können, als Sänger in der Praxis tätig sind, – oder auch einen anderen Weg beschritten haben, eine pädagogische Arbeit aufgenommen haben, in einem Berufschor einer hoch qualifizierten Tätigkeit nachgehen, oder, meist bei Frauen, sich für Kinder und Familie entscheiden, was eine Karriere oft zumindest partiell unterbricht, dann eher nebenberuflich musikalisch tätig sind, in Liederabenden und Konzerten, oder in pädagogischen Berufen. Dies sollte in unserer Zeit nicht als Misserfolg gedeutet werden. Wichtig ist, dass jeder „seinen“ Platz findet, an dem er sich wohl fühlt, wo er auf seine Weise verantwortlich auch für andere da sein kann, und wo er Anforderungen auch erfüllen kann.

Die heutige Theaterlandschaft – ein ungedeckter Scheck in die Zukunft?

Man muss keine seismographischen Fähigkeiten besitzen, um erkennen zu können, dass die Theaterlandschaft im Umbruch begriffen ist. Das hat mit dem Theater selbst zu tun, mit der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland, aber auch mit einer Veränderung des Publikumgeschmacks.

Keine Frage: die trübe finanzielle Lage in den Kommunen, den Städten und Gemeinden, wirkt als gnadenloser Katalysator für eine Entwicklung, in welcher die Kulturleistungen unserer Gesellschaft nicht mehr nur als vornehme Aufgaben eines demokratischen Staates angesehen werden.

Auf der einen Seite die Forderung mancher Kulturpolitiker, den Mut zu entwickeln, auch neue Werke aufzuführen, Experimente zu wagen; auf der anderen Seite dann die bedauernde Feststellung, dass man für halbleere Theater keine Steuergelder in der bisherigen Höhe aufzubringen kann. Gerade der Aderlass auf Raten, wie er zurzeit etlichen Theatern in Deutschland widerfährt, macht deutlich, wohin die Reise geht:

Kürzungen nicht sofort; – das könnte einen Sturm der Entrüstung auslösen, der politisch unklug wäre. Vielmehr Kürzungen heute beschließen, die im nächsten Jahr wirksam werden; da atmet jeder erleichtert auf, weil es erstmal weitergehen kann wie bisher, und dann hat man ein Jahr Zeit, sich an den Gedanken verminderter Mittel zu gewöhnen, oder der eigene Vertrag des verantwortlichen Intendanten läuft ohnehin aus, so dass ein “Nach-mir-die -Sintflut”-Denken verständlicherweise Platz greift.

Es soll an dieser Stelle keine Polit-Schelte stehen; zu schwierig ist eine Situation, in der man mit der gegenwärtigen maroden Finanzlage fertig werden muss, als dass es angebracht wäre, leichtfertige Schuldzuweisungen zu treffen. Nur sollten sich Kulturschaffende nichts vormachen: in den vergangenen Jahren seit der Vereinigung Deutschlands wurden viele Theater und Klangkörper „abgewickelt“, und es sieht nicht so aus, als wenn diese Entwicklung zu einem Stillstand gekommen ist.

Wer daher heute in der Verantwortung steht, junge Menschen für künstlerische Berufe auszubilden, Berufe, die Enthusiasmus, Fleiß, Disziplin und Entbehrungen mit sich bringen, muss die Ausbildung so gestalten, dass wenigstens ein Höchstmaß an Chancen für die angehenden Kulturschaffenden erzielt wird. Flexibilität ist hier nötig, das Vorbereitetsein auf unterschiedliche Genres, und für Sänger heißt dies, dass es nicht mehr ausreicht, sich nur in einem Metier, zum Beispiel der Oper, zurechtzufinden.

Auch müssen Faktoren einbezogen werden, die in den vergangenen Jahren eine zentrale Bedeutung eingenommen haben; als Beispiel sei die Bedeutung der Medien genannt. Promotionsfirmen werden schon heute beauftragt, den Bekanntheitsgrad von Künstlern gezielt zu fördern. Die „Imagepflege“ hat eine zentrale Rolle angenommen, und in einer Zeit, da minimale stimmliche Leistungen elektronisch verstärkt und mediengestützt überzeugende Scheinergebnisse zutage fördern können, sollte ein junger Künstler, der sich in dieses Terrain begibt, wenigstens wissen, was ihn erwartet.

Wer sich im Opernshop in der Wiener Staatsoper die CD-Auslagen ansieht, der wird gewiss die großen Stars entdecken, die hier im Haus singen; – und daneben Aufnahmen mit Helmut Lotti, der ebenso die großen berühmten Arien singt; dies mag nicht verwundern. Wenn der Besucher jedoch erfährt, dass diese Aufnahmen um ein vielfaches mehr verkauft werden als jene von Pavarotti oder Domingo, (im Gebäude der Wiener Staatsoper!) wird ihm dies vielleicht zu denken geben.

Niemand weiß, ob diese Entwicklung anhält, oder ob nicht vielmehr eine gegenläufige Tendenz, wie so oft, manches an dieser Entwicklung relativiert.

Bisher haben wir Gesangslehrer noch immer die Erfahrung gemacht, dass sich stimmliches Können und intensive künstlerische Ausdruckskraft auf die Dauer im von uns vertretenen Metier höchst erfolgreich durchsetzen. Angehende junge Sängerinnen und Sänger jedoch mit der Problematik der gegenwärtigen Entwicklung zu konfrontieren, und sie nicht auf ein Wolkenkuckucksheim vorzubereiten, das es so nicht mehr gibt und in Zukunft noch weniger geben wird, dies scheint uns ein Gebot der Stunde. Die Junge Oper Lübeck versteht sich nicht zuletzt als ein Forum, in dem sich Kulturschaffende, angehende junge Künstlerinnen und Künstler und ein musikinteressiertes Publikum zusammenfinden, um Fragen der Kunst zu diskutieren, die doch auch und ganz zentral immer gesellschaftliche Fragen sind.